SPITZKOPPE - DER ROTE GRANIT VON NAMIBIA

von Manrico dell'Agnola




"Große, zerbrechlich wirkende Bäume sind wie Punkte auf dem roten Geröll und unglaubliche hängende Gärten erscheinen zwischen den Felsen. Doch die Risse und Platten sind spektakulär und frei von jeglicher Vegetation."


Für gewöhnlich beginnt eine Reise als Fantasie – vielleicht wegen eines schönen Fotos, wegen der Erzählungen von Freunden oder wegen eines Ortes mit besonderem Ruf, den eine gewisse Mystik umgibt. Dann nimmt die Idee in deinem Kopf Gestalt an und die Planungsphase beginnt: die Reisezeit wird festgelegt, Flüge werden geplant, die Ausrüstung organisiert.

So eine Reise wird wohl in fast allen Fällen wieder und wieder durchdacht – und doch kann die Realität später davon abweichen. Die Berge, die stets das Ziel unserer Reisen sind, werden idealisiert: El Capitan, Cerro Torre, Fitz Roy, Nanga Parbat, Everest. Schon allein diese Namen explodieren wie Feuerwerkskörper im Kopf, sie nehmen allmählich, doch in fast schon beunruhigendem Maße, die Aufmerksamkeit von uns Bergsteigern ein, die wir sensible Träumer sind.

Doch diesmal war es anders. Erst im letzten Moment wurde die Reiseplanung von mir und meinen Kletterpartnern Marcello Sanguineti und Giovanni Pagnoncelli fixiert. Die Sache stand auf enorm wackligen Füßen, das verdeutlicht schon unsere Alternative: Grönland – letztlich nur deshalb verworfen, weil es logistisch zu kompliziert geworden wäre.

Uns blieben nur wenige Tage, um alles zu organisieren, dabei ging es an einen völlig unbekannten Ort.

Meine Vorstellung von Namibia bestand seit jeher aus den unglaublichen Bildern vom Sossusvlei. Die Fotos von verkrüppelten, aber wunderschönen Bäumen hätten mich durchaus zu einer Reise als Tourist inspirieren können, vielleicht in ein paar Jahren, wenn meine Arme mein Gewicht nicht mehr halten können. Heutzutage jedoch besteht jede meiner Reise aus Klettern, zumindest ist das immer der Vorwand und die Motivation. Und nachdem ich jahrelang so unterwegs war, ist mir klar geworden, dass man, wenn man die Berge sucht, sich immer an den schönsten Orten eines Landes wiederfindet – ob man will oder nicht. So kam es auch auf diesem etwas chaotischen Trip: die Spitzkoppe war eine Offenbarung – in meinen Augen der schönste Ort des Landes.

Die Straße ist unglaublich rumpelig und es ist ein Wunder, dass unser Auto sie übersteht, ohne auseinander zu brechen. Nach endlosen Kilometern im Flachland erblicken wir die ersten Berge.

Weit voraus verändern große Blöcke aus rotem Gestein nur langsam ihre Form. Obwohl wir schon eine halbe Stunde unterwegs sind, sehen wir sie weiterhin am Horizont vor uns, fast bewegungslos. Das bedeutet, sie sind wirklich groß. Uns wird klar: das muss die Spitzkoppe sein, die bemerkenswerteste Felsstruktur in ganz Namibia.

Wir sind nun schon seit einigen Tagen in dieser unfruchtbaren Gegend unterwegs. Ehrlich gesagt, bin ich nicht ganz zufrieden: der Etosha-Nationalpark wirkt mir zu touristisch und das diffuse Licht inspiriert mich nicht dazu, meine Kameras auszupacken. Außerdem entsprechen die niedrigen Temperaturen nicht meinem Bild von Afrika.

Aber jetzt kommt alles zusammen. Die etwas höhere Lage sorgt für klarere Luft und die trockene Kälte passt hier auch besser her. Zudem macht die felsige, fast schon außerirdische Landschaft Lust zum Klettern.

Ein paar Hügel weiter erscheinen uns die massiven Granitgipfel in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit und Unverwechselbarkeit. Große, zerbrechlich wirkende Bäume sind wie Punkte auf dem roten Geröll und unglaubliche hängende Gärten erscheinen zwischen den Felsen. Doch die Risse und Platten sind spektakulär und frei von jeglicher Vegetation.

Schließlich legen wir die Seile zurecht und ordnen die Friends. Die Wüste um uns herum hat die Farbe des Feuers. Unser Abenteuer beginnt.

 

Die Landschaft ist überwältigend: die Spitzkoppe ist eben ein außergewöhnlicher Ort. Unsere Idee, hierher zu kommen, entstand nach einem Gespräch mit Maurizio Giordani, der im letzten Jahr schon hier gewesen war und sich ebenfalls von ihr verzaubern ließ. Die Wände sind bis zu 600 Meter hoch, komplett aus rotem Granit, der aber nicht immer gut ist. Die Kletterrouten, selbst die einfachsten, sind anspruchsvoll und schwer zu erkennen. Der Zustieg ist meist einfach, doch die Routen sind nicht sehr geschützt. Die Risse können mit Friends und Klemmkeilen relativ gut gesichert werden, aber die Platten können mit ihren heiklen Griffen und Verschraubungen für einige psychologische Herausforderungen sorgen – sicherlich ist das hier „Klettern für Erwachsene“.

Da Namibia auf der südlichen Halbkugel liegt, ist die beste Reisezeit unser Sommer. Dann sind die Temperaturen ideal: nachts und früh am Morgen kühl, während es tagsüber nie zu heiß und das Klima trocken ist. Die Menschen hier leben noch immer vorrangig in Dörfern. Stolz und voller Würde zeigen die Himba-Frauen selbst in den vermeintlich am weitesten entwickelten Orten ihre unverhüllten Brüste – entgegen unserer westlichen Gepflogenheiten.

Namibia ist eines der fortschrittlichsten Länder des afrikanischen Kontinents und verdient – jenseits seiner Berge – zweifellos einen umfangreicheren Besuch als unseren. Nicht nur wegen der atemberaubenden Landschaften, sondern vor allem wegen der menschlichen und kulturellen Aspekte, jenes Gleichgewichts und jener Toleranz, die, zumindest in unseren Augen, die Koexistenz zweier völlig unterschiedlicher Gesellschaften ermöglichen.



experience by

Manrico dell'Agnola