PEUTEREY INTEGRAL

von Luka Strazar

peuterey integral


"Er ist einfach da, direkt über dir, wenn du von Courmayeur in Richtung Mont-Blanc-Tunnel fährst. Der Peutereygrat sieht exakt so aus, wie ein Routen-Monument eben auszusehen hat: ewig lang und markant, abenteuerlich und verlockend zugleich. Darum stellt sich die Frage jedes Mal, wenn ein Bergsteiger auf den Tunnel zufährt: Traust du sich? ... Und wann?"


Die Route ist eine veritable Reise über den Berg und durch sämtliche Disziplinen der Klettertechniken und -fertigkeiten. Das Klettern und das Vorwärtskommen auf technischem Untergrund müssen reibungslos ablaufen, daher ist ein fast schon blindes Verständnis zwischen den Kletterpartnern unerlässlich. Eine perfekte Route für ein Ehepaar also.

Die Planung ist ein wichtiger Teil des Spiels. Taktik, Ausrüstung, Kleidung, Essen, ... Wenn du zu viel mitnimmst, wirst du langsamer – und sehr langsam zu sein ist gefährlich. Du versuchst also, die Balance zu finden zwischen Gewichtsersparnis bei der Ausrüstung und dem richtigen Maß an Komfort oder, mit anderen Worten, einem noch erträglichen Maß an Unbequemlichkeit. Weil es für uns als Paar absolut okay ist, eng aneinander gekuschelt zu schlafen, beschlossen wir, auf Schlafsäcke und Isomatten zu verzichten.

Isolierjacke und gefütterte Hose sollten jedem von uns für ein kurzes Nickerchen ausreichen. Um 1 Uhr morgens starteten wir im Val Veny. Es ging vorbei an der Borelli-Hütte und die Kletterei begann noch in völliger Dunkelheit. Die Morgensonne fand uns irgendwo auf halbem Weg durch die unzähligen Seillängen der perfekten Granitspitzen und Türme der Aiguille Noire de Peuterey.

Es war kurz nach 2 Uhr nachmittags, als wir zum ersten Mal die Jungfrau Maria sahen. Die kleine Statue markiert den Gipfel der Aiguille Noire de Peuterey. Im Abstieg erwarten dich etwa 15 Abseillängen, wenn du Des Dames Anglaises erreichen willst. Dieser Teil des Grats ist für seine schlechte Felsqualität bekannt, was einen scharfen Verstand und starke Nerven erfordert. Nach mehrfachem Auf- und Absteigen erreichst du endlich das Biwak. Für uns war nun Zeit fürs Abendessen und ein kurzes 3-Stunden-Nickerchen.

Um Mitternacht trieben uns eine kühle Brise und ein Schuss Koffein weiter. Die Suche nach den besten Passagen der Pointe Gugliermina hielt uns auf Trab. Der Sonnenaufgang fühlte sich langsamer als gewünscht an. Doch nachdem wir den Gipfel der Aiguille Blanche erreicht hatten, konnten wir uns endlich hinsetzen und die wohlige Wärme genießen, die die ersten Sonnenstrahlen uns schenkten.

Unsere Beine waren jetzt nicht mehr so frisch, aber der Anblick der Grand Pilier d'Angle-Steilwand war eine erstklassige Motivation. Tagsüber wird der Fels hier durch die wärmeren Temperaturen „lebendig“. Sie produzieren Geschosse aller Art, so dass du diese Wand nur morgens oder am späten Nachmittag klettern möchtest. Und dann warten die letzten Klettermeter des Mont Blanc de Courmayeur auf dich. Auf dessen kleinem Gipfelsims machten wir eine Pause. Den tatsächlichen Gipfel überließen wir lieber den vielen anderen Bergsteigern und genossen stattdessen die Ruhe und den herrlichen Blick auf den Gran Paradiso.

Knapp 36 Stunden nach unserem Start „spazierten“ wir dann über den Gipfel des Mont Blanc, machten ein kurzes Foto und begannen den Abstieg in Richtung Chamonix. Seine 3800 Tiefenmeter bis ins Tal zogen sich endlos und unsere Füße begannen zu protestieren. Doch unser Mantra lautete, dass, wenn wir anhalten, wir dem Ziel nicht näher kommen und unsere Muskeln immer noch schmerzen würden.

So ging alles gut, wir erreichten Les Houches genau 10 Minuten vor Ladenschluss. Die letzten mentalen Herausforderungen für unsere müden Geister – eine Mitfahrgelegenheit nach Chamonix und dort eine Unterkunft für die Nacht zu finden – waren dann nochmals eine Story für sich.

Aber alles in allem war das eine großartige Tour!

 

P.S. Ein paar Wochen später hat Luka die Tour über diesen Grat nochmals wiederholt – zusammen mit Nejc Marčič war er vom Val Veny bis nach Les Houches 22 Stunden unterwegs. Vom Tourenstart bis zum Gipfel des Mont Blanc brauchten sie dabei nur 15 Stunden.



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Luka Strazar