Die Matterhorn-Ostwand.

by Denis Trento






Meine persönliche Historie auf dem Matterhorn besteht aus zwei Besteigungen über die italienische Normalroute vor vielen Jahren. Der erste Versuch scheiterte an starkem Wind, zugleich war dies auch das letzte Mal, dass meine damals zukünftige Frau Fabienne mit mir in die Berge ging.

Auch der zweite Anlauf geht fast bis ins Paläolithikum zurück. Ich sag’s mal so: Manfred Reichegger war damals noch ein junger Mann und Davide Spini noch davon überzeugt, dass er den richtigen Körperbau fürs Skibergsteigen auf Wettkampf-Niveau hatte. Die Besteigung mit den beiden stand jedenfalls unter einem viel besseren Stern und wir konnten den Gipfel perfekt genießen, obwohl es bereits Spätherbst war.

In den letzten 10 oder gar 12 Jahren hatte ich das Matterhorn nicht mehr im Sinn – und es suchte wohl auch nicht mehr nach mir. Die Idee hingegen, seine Ostwand auf Ski zu befahren, war einer der wenigen unerfüllten Träume meines engen Freundes Davide Capozzi. Obwohl er im Laufe der Jahre jeden erdenklichen Berg auf zwei Brettern bezwungen hatte: bei dieser Wand hielt er sich stets zurück und wartete auf die perfekten Bedingungen für eine Abfahrt von der Bergschulter, also von 4.200 Meter über Meereshöhe.

Angesichts der Komplexität dieses Berghangs und seiner Exposition herrschen solche Bedingungen fast nie, und wenn doch einmal, dauern sie nur sehr kurz an, sodass eine vollständige Abfahrt nur selten und bestenfalls im April oder Mai machbar ist.

Aber im Jahr 2020 kann man sich aufs Wetter, wie auf so viele andere Dinge auch, nicht mehr verlassen. Anfang Juni, nach einem fast schon sommerlichen Ende des Lockdowns, benahm es sich eher wie Ende November.

Die raren kurzen Zeitfenster zwischen einem Sturm und dem nächsten konnte ich noch mit einigen schönen Abfahrten ausfüllen – einerseits, um nicht allzu viel Form zu verlieren, vor allem aber, um das Gefühl für die Bedingungen in den Bergen nicht zu verlieren.

Der Kalender jedoch zeigte nun fast das Ende des Frühlings an und die erste Wetterbesserung würde wahrscheinlich die letzte Chance für eine Skitour von Bedeutung sein.

Mit der Ankunft einer kleinen Hochdruckphase überkamen mich, wie üblich, einige der verrücktesten Ideen. Um die wenigen Neuronen, die meine vielen Tage in großer Höhe überlebt hatten, mit Sauerstoff zu versorgen, unternahm ich eine Radtour. Die Passfahrt auf den Kleinen Sankt Bernard bot auch die Gelegenheit, einen Blick auf die Südwestflanke des Mont Blanc zu werfen und meinem Freund Loppi bei seiner ersten Tour mit dem Wohnmobil Hallo zu sagen.

Seltsamerweise waren es nicht der Sauerstoff oder das Panorama, die für neue Prioritäten bei meinen Projekten sorgten, sondern eine simple Nachricht, die ich auf den Serpentinen oberhalb von La Thuile erhielt – von meinem zuverlässigen und stets motivierten Freund Alessandro Letey, der bei der Webcam-Recherche einiges frisches Weiß am Matterhorn entdeckt hatte.

Offen gesagt war ich nicht wirklich scharf darauf, den Waffenstillstand zu brechen, den ich vor vielen Jahren mit diesem speziellen Berg vereinbart hatte. Und die Tatsache, dass sich unser gemeinsamer Freund und Mentor Capozzi aus dem Projekt zurückgezogen hatte, weil zu viele Faktoren auf seine Undurchführbarkeit hindeuteten, ließ mich innehalten.

Letztendlich fiel die Entscheidung, doch hinzufahren und sich die Sache anzuschauen, aus drei Gründen: wegen der Vielzahl an Unwägbarkeiten, mit der beim Skifahren am Mont-Blanc in großer Höhe zu rechnen ist. Wegen meiner Neugierde, diese Wand endlich einmal aus nächster Nähe zu sehen. Und zuletzt, weil dafür lediglich ein kurzer, einfacher Zustieg erforderlich wäre.

Hier wie dort müsste ich vielleicht abbrechen, aber auf dem Matterhorn wäre ich zumindest nicht allein an einem fremden Ort.


FAVORITEN UNSERER AMBASSADORS

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Wir verbrachten die Nacht mit den nötigen Vorbereitungen und der Fahrt zum Ausgangspunkt unserer Tour. Doch als wir uns um 4:30 Uhr dem Colle del Breuil näherten, schien sich eines der vielen hässlichen Szenarien, die wir uns am Vorabend ausgemalt hatten, bereits zu verwirklichen: dichte Wolken, die sich schon früh am Morgen an die Bergflanke heften.

Da wir unserem Zeitplan etwas vorauslagen, entschlossen wir uns zu warten. Die Sicht verbesserte sich zwar bei Tagesanbruch noch nicht, aber wir hatten das Gefühl, dass sich der Nebel früher oder später auflösen würde. Also blieben wir hartnäckig (und, zugegeben, absurd lange) an Ort und Stelle und hüpften mehr als anderthalb Stunden lang im herrschenden Whiteout und Wind auf der Stelle.

Als wäre es ein Film, brach dann plötzlich die Sonne durch den Nebel und das Matterhorn erschien vor uns, in perfektem Zustand.

Angesichts der verlorenen Zeit galt für uns nur noch eine Devise: so schnell und so hoch wie möglich hinauf auf den Berg.

Von Beginn des Frühlings an bedeutet Skifahren an der Matterhorn-Ostflanke normalerweise, dass die Abfahrt zu dem Zeitpunkt begonnen wird, zu dem wir den Aufstieg in Angriff genommen haben. Aber wie schon oben erwähnt, muss man das Wetter jetzt jeden Tag aufs Neue beurteilen. Und die extrem niedrigen Temperaturen würden uns hoffentlich ein paar Bonusstunden gewähren.

Zwei Stunden lang stiegen wir mit gesenkten Köpfen durch die Wand. In der letzten halben Stunde mussten wir aber immer häufiger aufschauen, der Vielzahl unterschiedlich großer Eiszapfen wegen, die weiter oben am Berg hingen und nun anfingen, der Schwerkraft zu gehorchen.

Gegen 8 Uhr passierten wir die Solvay-Hütte auf 3800 Metern Höhe, immer noch auf einem Kurs, der uns sicher auf die Schulter geführt hätte. Um 8:30 Uhr, nach Passieren der 4000-Meter-Marke, wurde mir klar, dass uns die Zeit davonlief und dass wir uns von dem herrlichen Schnee verleiten lassen könnten, unkluge Entscheidungen zu treffen.

Obwohl er nicht ganz überzeugt war, akzeptierte auch Alessandro, dass nun leider der Zeitpunkt gekommen war, die Abfahrt anzugehen.

Unser Trost waren mehr als 800 Höhenmeter abwärts bei göttlichen Bedingungen durch die Wand unserer langjährigen Träume – und der Preis dafür bestand darin, dass wir auf dem Gegenanstieg zum Colle del Breuil bis zum Bauch im Tiefschnee versanken. Doch zum Ausgleich konnten wir abschließend bis direkt zum Auto abfahren.

Diese Abfahrt verdient zweifellos ihren Ruhm: sie ist steil, lang und über die gesamte Länge ausgesetzt – in einer wahrhaft prachtvollen Umgebung. Die Möglichkeit, sie zu einer Zeit zu befahren, in der sich die meisten Mitmenschen an irgendeinem Strand aufhalten, verleiht diesem Unternehmen einen besonderen Reiz.

Es bleibt der Wermutstropfen, dass wir wegen des Nebels diese unerwartete Gelegenheit nicht vollends nutzen und die letzten 200 Höhenmeter auch noch erklimmen konnten, die eine lupenreine Ostwand-Abfahrt ergeben hätten. Aber wie jeder andere Berg auf dieser Welt kann sich auch das Matterhorn nicht von seiner Location entfernen.

Und wir werden es sicher nicht nochmals ein Jahrzehnt warten lassen!